50 Jahre Biblische Erzählfiguren: Figurengeschichte

Wie es zu den beliebten textilen Krippenfiguren gekommen ist

In vielen Gegenden der Schweiz werden heute im Rahmen der Pfarrei, der Frauen- und Müttergemeinschaften Kurse für Krippenfiguren angeboten. Und immer mehr Frauen ergreifen die Gelegenheit, das Weihnachtsgeschehen durch Formen und Gestalten der heiligen Figuren für ihre Familien bildhaft sichtbar zu machen. Das Schaffen einer eigenen Krippe will und soll aber auch zur Anregung werden, über das Welt verändernde Ereignis der Christnacht tiefer und engagierter nachzudenken. Dies wird einem spätestens beim ersten Tun in den Kursen klar.

 

Doch wohl die wenigsten von all den begeisterten Kursteilnehmerinnen ahnen etwas von der Entwicklung der heute so selbstverständlich gewordenen Figuren. Ja selbst die Kursleiterinnen wissen oft kaum mehr, wo und wann das Werden dieser ausdrucksvollen biblischen Gestalten seinen Anfang nahm.

 

Es begann in einer Klosterzelle in Ilanz

Blick aus Kloster Ilanz 1995

In der Osterwoche 1980 trafen sich gegen vierzig Krippenkurs-Leiterinnen aus der ganzen Schweiz auf dem Schwarzenberg zu einem Ideen- und Gedankenaustausch, zu einem Rückblick und Gespräch über den "Status quo" der kleinen beweglichen Darsteller der Heiligen Nacht. Mit in ihrem Gepäck hatte fast jede etwas Kostbares, Einmaliges: Krippenfiguren von Anno dazumal und solche, die in den letzten Kursen mit allen Kenntnissen der jüngsten Zeit entstanden waren.

 

Hier oben sollte allein in einer kleinen Ausstellung die Entwicklung der Krippenfiguren von ihrem Entstehungsjahr 1964 bis heute gezeigt werden.

 

Marietta Lichsteiner aus Reussbühl erläuterte als "Ehemalige" den Werdegang der Heiligen Familie, der Hirten und Tiere und bedauerte es aufrichtig, dass die eigentliche Schöpferin und Mutter all dieser Figuren, Sr. Anita Derungs aus Ilanz, nicht mit dabei war.

 

Doch die grazile Dominikanerin, die in ihrer stillen Klosterzelle damals die ersten biblischen Geschöpfe auf dem Zeichenblock entwarf, konnte leider in der Karwoche nicht auf den Schwarzenberg kommen. Wir haben deshalb wenig später die talentierte Schwester und Zeichenlehrerin im Institut St. Josef, im neuen Kloster ob Ilanz aufgesucht und sie persönlich befragt, wie alles damals vor 16 Jahren begann.

 

Eine Anregung wurde zum inneren Auftrag

Sr. Anita Derungs 1995

Im kleinen Besuchszimmer im riesigen Betongebäudekomplex empfing uns die zierliche Schwester und brachte auch gleich einen ganzen Korb voll biblischer Gestalten und Tiere mit. Während sie diese liebevoll, wie eine Mutter ihr Kinder, aus der Verpackung schälte, begann sie zu erzählen: Dass die damalige Präsidentin des Müttervereins Graubünden, Frau Fryberg-Candinas, bei einem Besuch im Kloster die Bemerkung fallen ließ, wie schön es doch sein müsste, wenn die Mütter ihren Familien das Weihnachtsgeschehen wieder durch eine selbst gefertigte Krippe näher bringen würden." Die Generaloberin gab Wunsch und Gedanken alsbald weiter an mich, die ich damals noch Kindergärtnerin in Ilanz war.

 

`Sr. Anita, das wäre was für Sie` meinte sie, und die Anregung wurde mir zum inneren Auftrag, wusste ich doch, wie talentiert Frauenhände im Nähen und Modellieren sind. Es waren sozusagen meditative, stille Ferientage in meiner Klosterzelle, während derer ich Krippenfiguren zu zeichnen, zu modellieren und mit Sisaldrahtschnur und Stoff zu verwirklichen begann", erinnert sich die in Paris zeichnerisch ausgebildete weiße Schwester. Was da oben im Bündnerland innert kürzester Zeit Gestalt annahm und zur besten Vollendung entwickelt wurde, vernahm man aber auch im Unterland und auf dem Schwarzenberg. Fräulein Josy Brunner reiste nach Ilanz und zeigte großes Interesse an den Krippenfiguren, die damals bereits der bekannte Künstler Alois Carigiet mit den Worten ausgezeichnet hatte: "Sr. Anita, sorgen Sie dafür, dass diese Figuren in vielen Schweizer Familien Einlass finden." Bereits im Herbst 1964 und 1965 fanden in Maria-Licht ob Trun die ersten Krippenfigurenkurse und anschliessend auch solche in Schwarzenberg statt.

 

"Doch dann", berichtet Sr. Anita nicht ohne spürbare Wehmut, "wollte Josy Brunner diese Kurse im Haus der Mütter alleine erteilen." Sr. Anita begrenzte ihre Kurstätigkeit wieder auf ihre Heimat, das Bündnerland.

 

Zuerst modellierte Köpfchen, dann aus Kapok

Sr. Anita Derungs 1995

Sr. Anita hatte schon damals - wie auch heute noch - für ihre Figuren Köpfchen modelliert und mit Duvetine überzogen. Auf dem Schwarzenberg aber wechselte man wegen der langen Trocknungszeit hinüber auf Kapok und Stoff. Und hatte Sr. Anita, um standfeste Figuren zu erhalten, ihren ursprünglichen Schuhen Bleiplatten aus der Klosterdruckerei eingebaut, so begnügte man sich bei Josy Brunner mit den billigeren Holzschuhen.

 

Von Anfang an entwickelte sich das Krippenfiguren-Schaffen in individuelle Richtungen. Und das ist bis heute so geblieben. Je nach Gegend und Kursleiterin haben Josef und Maria, die Hirten, die Könige größere oder kleinere Köpfe, sind dicker oder dünner.

 

"Doch das ist absolut unwichtig", meinte Sr. Anita. "Wichtig ist vielmehr, dass durch das Gestalten dieser Figuren viele Frauen und Mütter eine innere Beglückung und Bereicherung, aber auch die Gewissheit erfahren, in sich schlummernde Talente zum Erwachen gebracht zu haben."

 

 

Man entdeckte den Bleischuh und ein verbessertes Gestell

Die Entwicklung aber blieb nicht stehen.

 

Als 1966 ein erster Pfarreikurs gegeben wurde, kam eine Kursleiterin auf die Idee, Vorhangblei in die Schubimehl-Schuhe einzuarbeiten. 1968 begann ein Pfarrer selber Bleischuhe zu giessen. Und so arbeitete man bis hinein in die 70er Jahre ganz allgemein mit diesen Bleiklötzchen, die mit Heftpflaster oder Isolierband an das Sisalgestell befestigt und mit Schubimehl umformt wurden.

 

Unabhängig voneinander fingen dann zwei Kursleiterinnen an, richtige Bleischuhe zu giessen oder giessen zu lassen. Und bereits 1976 brachte eine Zugerin ein Gestell mit schweren Schuhen in den Handel, das 1979 noch durch ein verbessertes - mit Drahthändchen vom Schwarzenberg - ergänzt wurde.

 

Heute stehen den Kursleiterinnen drei Materialstellen als Bezugsquellen zur Verfügung. Auch trifft man sich seit 1975 regelmässig, nachdem jede zehn Jahre ganz auf sich selber angewiesen war, zu einem Kursleiterinnentreffen auf dem Schwarzenberg.

 

Im Bündnerland werden noch heute Tiere und Zubehör selber angefertigt

Heilige Familie, von mir 1995 in Kloster Ilanz angefertigt: Kursleitung Lucia Netzer-Peduzzi

Dank dieser bestens funktionierenden Materialstellen in der Ostschweiz, in Baar und auf Schwarzenberg sind die diversen Krippenfiguren- Kursleiterinnen im Unterland dazu übergegangen, ihre Schäfchen, Esel, kurzum die Tiere und das Kleinzubehör fertig einzukaufen, sich in den Kursen nur auf die Figuren zu spezialisieren.

 

Droben aber im Bündnerland, in den einfachen Dörfern, blieb Sr. Anita ihrem Grundprinzip treu: "Soviel wie möglich selber machen." So entstehen aus Elektrikerdraht Hirtenlämpchen, aus Karton und Kupferdraht Esel, Schäfchen, Kamel und Ochs.

 

 

Sr. Anita hat eigens für ihre Kursteilnehmerinnen eine spezielle Arbeitsmappe angefertigt, in der alles enthalten ist, vom einfachen Schnittmuster, den Massen und Anleitungen für Maria, Josef und das Jesuskind, auch die Gewänderskizze für die Drei Könige, bis hin zur kleinsten Detailarbeitsbeschreibung.

 

Sr. Anita arbeitet nach einem Dreijahresplan. Im ersten Krippenkurs erlernt man bei ihr das Gestalten der Heiligen Familie samt Hirt oder Hirtin - "Warum soll es keine Hirtinnen in Bethlehem gegeben haben?" - und Schäfchen. Im zweiten Kurs darf man sich an die Drei Könige und im dritten an die Schöpfung der drei Tiere, Ochs, Esel und Kamel wagen.

 

Ungezählte Figuren aus der biblischen Geschichte sind schon entstanden unter den talentierten Händen der kleinen Dominikanerin, die jetzt ihre Krippenkurstätigkeit in jüngere Hände übergeben will. Sie hat alle diese Figuren den Bündner Frauen vermacht.

 

"Ich hatte sie ja für die Mütter Graubündens entworfen", gesteht sie lächelnd bei unserem Rundgang durch das moderne Kloster und die angegliederte Schule.

 

Und bei diesem Streifgang durch die vielen großzügig konzipierten Hallen und Räume war es, dass wir Bilder, Batikdrucke, Plastiken von seltener Schönheit und Farbkomposition entdeckten.

 

Sie alle trugen eine zierliche Unterschrift: «Sr. Anita Derungs».

 

Die Krippenfigurenschöpferin, bei der alles seinen Anfang nahm, ist eine große Künstlerin. Und sie ist eine Frau, die in ungezählte Stuben durch ihre Krippenkurstätigkeit vertiefte Weihnachtsfreude und besinnliches Nachdenken gebracht hat.